Statt mit Mathematik und Deutsch beschäftigten sich die Acht- und Neuntklässler der Mittelschule Freilassing St. Rupert kürzlich einen Vormittag lang mit dem, was auf den Schulabschluss folgt: ihrer Ausbildung. Auch Bürgermeister Markus Hiebl machte sich ein Bild von dem neuen Format, suchte das persönliche Gespräch mit den Jugendlichen und informierte sich an den Berufsständen.
Erstmals hatte das Kinder- und Jugendbüro im Rahmen des Projekts „Mein Leben 360grad #Freilassing“ und in Kooperation mit dem Bündnis Jugend in Arbeit an der Schule einen „Azubi Talk“ organisiert, bei dem Lehrlinge aus zwölf verschiedenen Ausbildungsberufen von ihrem Arbeitsalltag erzählten, Wissen schilderten und Handwerkszeug zeigten. Ziel war es, Jugendliche bei ihrer Orientierung im Übergang von der Schule in den Beruf zu unterstützen, praktische Einblicke zu ermöglichen, Interessen und Stärken sichtbar zu machen und nächste mögliche Schritte wie Praktika als Option aufzuzeigen.
Graphitelektrode und Präzisionsverfahren
Niklas ist Werkzeugmechaniker im dritten Lehrjahr und zeigt den drei Buben und zwei Mädchen vor ihm gerade eine Graphitelektrode und das Präzisions-Fertigungsverfahren „Drahterodieren“. Interessiert fragen die Schülerinnen und Schüler nach und schauen sich die teils kleinsten Werkzeugteile durch eine Lupe an. Niklas macht es Spaß, den nur wenige Jahre jüngeren Schülern von seinem Beruf zu erzählen.
Die Schüler wiederum finden es toll, dass sie die Werkteile in die Hand nehmen dürfen. Der 14-jährige Josip kannte den Beruf des Werkzeugmechanikers bis jetzt „nur grob“, kann sich aber jetzt gut vorstellen, in einem Praktikum diesen Beruf auszuprobieren. Da ertönt der Gong, die nächste Gruppe kommt an den Stand. Die Schülerinnen und Schüler rotieren durch alle zwölf angebotenen Stationen.
„Ich kann mich gut in die Schüler reinversetzen“
Daneben stellt der 19-jährige Michael seinen Arbeitsalltag in einem Lebensmittelhandelsgeschäft vor. Er findet es gut, dass junge Leute den Schülern die Berufe erklären. „Ich war vor zwei Jahren in der gleichen Situation und wusste nicht so recht, was ich für einen Beruf ergreifen möchte. Ich kann mich gut in die Schüler reinversetzen und umgekehrt“, schildert Michael und lässt die Jugendlichen vor seinem Stand den Namen der vorgelegten exotischen Früchte erraten.
Die ganze Aula ist erfüllt von Gemurmel, interessiert blickenden Augenpaaren und Lehrlingen, die engagiert ihre Berufe vorstellen. Neben Hotelfachfrau und Milchtechnologie sind das zum Beispiel auch Soldat, Fachkraft für Büromanagement und Maschinen- und Anlagenführer. Gerade hievt sich ein Junge einen 35 Kilogramm schweren Marschrucksack der Bundeswehr auf den Rücken und der junge Soldat erzählt, dass den auch manch „zartes Mädel“, das bei der Bundeswehr arbeitet, problemlos auf dem Rücken trägt. Mit großen Augen hören die Buben zu und schauen sich die ausgelegten Fotos von Bergtouren, Tarnanzügen und Schießübungen an.
Fragen nach Verdienst und Feiertagsarbeit
Eine Frage, die oft geäußert wird, ist natürlich die nach dem Verdienst. Oder, wie bei der Hotelfachfrau, ob sie an Feiertagen arbeiten muss. Ganz offen beantworten die Auszubildenden den Schülern ihre Fragen und erklären dann aber auch, dass sie als Gegenleistung für Feiertagsdienste dafür an anderen Tagen frei haben. Die 16-jährige Francesca findet es gut, dass junge Menschen ihnen die Berufe vorstellen: „Da bin ich nicht so nervös, und sie können sich besser in meine Situation versetzen.“
Die unmittelbare Stimmungsabfrage beim Hinausgehen ergab, dass sich für die Mehrheit der Schüler entweder neue Perspektiven ergaben oder der Azubi Talk Interesse und Motivation angestoßen hat. Für die Veranstalter hat das dieses neue Format gezeigt, dass es den Schülern bei der Berufsorientierung wichtige Anstöße und Ideen geben kann. Der Verein „Lernwerkstatt Inklusion“ e.V. (Nürnberger Land) würdigte mit einer Spende von 1.000 Euro die Initiative in Freilassing als beispielhaft für gelebte Bildungsgerechtigkeit.


